Wie Düngung die landwirtschaftliche Dominanz in Nordeuropa aufrechterhielt

Analysen zeigen, dass der intensive und gedüngte Roggenanbau Jahrhunderte früher begann als gedacht

19.05.2025 | 23:11 (UTC -3)
Revista Cultivar

O Roggen (Secale cereale), ein Getreide, das gegen Dürre und Kälte resistent ist, konnte sich nicht zu einer der Säulen der europäischen Landwirtschaft entwickeln, da es eine anspruchslose Pflanze ist. Der wahre Grund für ihren Erfolg wird nun mit wissenschaftlicher Präzision ans Licht gebracht. Eine Studie zeigt, dass Bauern in Nordeuropa seit der Spätantike Roggen unter Einsatz intensiver Düngetechniken anbauten und stellt damit etablierte Vorstellungen über die Herkunft und Verbreitung dieses Getreides in Frage.

Im Rahmen der Forschung wurde eine stabile Isotopenanalyse an archäologischen und modernen Roggenkörnern durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass die Praxis, Felder mit Tiermist zu düngen, bereits im 4. Jahrhundert n. Chr. üblich war.

Die Entdeckung widerlegt die Vorstellung, dass Roggen aufgrund seiner Robustheit nur auf kargen Böden gedeiht. Tatsächlich zeigen Isotopendaten, dass der Anbau in hochentwickelte landwirtschaftliche Systeme integriert war, die die strategische Nutzung von Tierabfällen, Torf und sogar Meeresmüllschichten beinhalteten.

Das Team analysierte Getreide von elf archäologischen Stätten in Deutschland und dem Kaukasus aus Zeiträumen von der Antike bis zum Spätmittelalter. Die Ergebnisse deuten auf eine Ausbringung von bis zu 11 Tonnen Dünger pro Hektar und Jahr hin, also Werte, die denen moderner landwirtschaftlicher Experimente ähneln. Dies lässt darauf schließen, dass Roggen schon in frühester Zeit auf intensiv gedüngten Feldern angebaut wurde.

Ein Vergleich mit landwirtschaftlichen Experimenten, die in den Zentren Thyrow und Halle in Deutschland durchgeführt wurden, untermauert diese Schlussfolgerung. Dort brachten mit und ohne Dünger bewirtschaftete Parzellen Körner mit unterschiedlichen Stickstoffisotopenwerten hervor.

Durch die Düngung konnten die Erträge um bis zu 7 % gesteigert werden, was den direkten Einfluss der Düngung auf das Getreide verdeutlicht. Interessanterweise wurde dieser Effekt durch die Bodenart (Sand- oder Lehmboden) moduliert: Fruchtbarere Böden verstärkten die Stickstoffaufnahme, selbst bei moderater Düngung.

Ab dem 10. Jahrhundert etablierte sich der Roggenanbau im sogenannten Ewigen Roggenbau. Bei dieser Technik wird eine Mischung aus Erde und Stallmist auf abgegrenzten Feldern ausgebracht. Durch die ständige Ausbringung organischer Stoffe wurde das Niveau des Landes im Verhältnis zur Umgebung angehoben und dauerhafte Ernten ohne Fruchtwechsel ermöglicht – etwas, das in der vormodernen Landwirtschaft selten war.

Zusätzlich zum Stickstoff wurden in der Studie auch die Schwefelwerte analysiert, wodurch weniger bekannte landwirtschaftliche Praktiken identifiziert wurden.

In Neermoor beispielsweise deuteten die niedrigen Schwefelisotopenwerte auf die Verwendung von Moortorf als Dünger hin, eine Praxis, die mit Versalzung und anaeroben Prozessen in Verbindung steht. Durch diese Analyse lässt sich die Herkunft des Düngers unterscheiden – ob es sich um Mist, Gemüsekompost oder Meeresablagerungen handelt.

Die Kohlenstoffisotopenwerte wiederum ermöglichten eine Abschätzung der relativen Erträge der Felder. Die besten Ergebnisse wurden in Küstengebieten erzielt, insbesondere auf künstlichen Erhebungen, den sogenannten Wurten, wo die Nähe zum Meer und die organische Düngung ideale Bedingungen gewährleisteten. Dort erfolgte der Anbau vermutlich im Sommer, nachdem die Winterfluten zurückgegangen waren. Die Produktivität dieser Felder konnte mit der der besten kontinentalen Böden konkurrieren.

Entgegen den Erwartungen war im Zeitverlauf kein klarer Trend zu einer zunehmenden Düngeintensität erkennbar.

Antike Stätten wie Göritz und Loxstedt weisen bereits Anzeichen einer intensiven Düngung auf, vergleichbar mit denen mittelalterlicher Burgen und Dörfer wie Neermoor oder Diepensee.

Die Düngung variierte eher je nach örtlichen Gegebenheiten (Bodenart, Nähe zu Ställen, Verfügbarkeit von Dünger) als je nach historischem Zeitraum.

Norddeutsche Bodenregionen mit den Standorten Neermoor (Ne), Oldorf (Ol), Niens (Ni), Loxstedt (Lo), Altenwalde (Al), Lietzow (Li), Dyrotz (Dy), Diepensee (DS), Groß Lübbenau (GL), Göritz (Gö), Thyrow (Th), Halle (Ha)
Norddeutsche Bodenregionen mit den Standorten Neermoor (Ne), Oldorf (Ol), Niens (Ni), Loxstedt (Lo), Altenwalde (Al), Lietzow (Li), Dyrotz (Dy), Diepensee (DS), Groß Lübbenau (GL), Göritz (Gö), Thyrow (Th), Halle (Ha)

Domestizierung von Roggen

Die Domestizierung des Roggens verlief auf eigentümliche Weise. Ursprünglich war Roggen ein Unkraut, das Weizen- und Gerstenfelder überwucherte. Mit der Einführung des Pflugs, der den Boden tief umgrub, gewann er an Boden.

Dieser technologische Fortschritt verringerte die Konkurrenzfähigkeit der Wildformen und begünstigte Sorten mit nicht brüchigen Kolben, die besser an die menschliche Ernte und Aussaat angepasst waren.

Mit der Zeit übertraf die Produktivität des Roggens sein Image als rustikales Getreide.

Im Mittelalter wurde es zum Grundnahrungsmittel von Burgen, Kirchen und städtischen Zentren. Die Archäologie weist bedeutende Bestände an Standorten wie Groß Lübbenau, Bremen und Starigard nach.

Der Überfluss ermöglichte nicht nur die Ernährung der wachsenden Bevölkerung, sondern auch die Erwirtschaftung von Überschüssen, die für die Festigung politisch-religiöser Macht von grundlegender Bedeutung waren.

Die Daten widerlegen auch die Theorie, dass der in den Wurten gefundene Roggen aus den Geestzonen (hochsandigen Gebieten) importiert worden wäre. Durch Isotopenanalysen können die in den einzelnen Regionen angebauten Körner deutlich unterschieden werden. An der Küste weisen die Pflanzen deutliche Merkmale auf, die auf lokalen Anbau hindeuten, selbst auf Land, das häufig überschwemmt und versalzen ist.

Weitere Informationen unter doi.org/10.1098/rstb.2024.0195

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